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Rede von Bürgermeister Burgey zum Volkstrauertag am 18.11.2018

Hier finden Sie die Rede von Bürgermeister Burgey anlässlich des Volkstrauertags am 18.11.2018

Liebe Kinder,
meine Damen und Herren,
 
Heute, am Volkstrauertag, erinnern wir uns an die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror. Haben wir Grund zur Trauer? Trotz einzelner Terrorakte leben wir in Mittel- und Westeuropa in einer ziemlich friedlichen Insel und vergessen dabei oft: Unser Friede hat – und das über Jahrhunderte hinweg – eine grausam blutige Vorgeschichte.
 
Am 28. Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg. Konkurrenzdenken der europäischen Großmächte, Machtdenken, ein übermächtiger Nationalismus und eine verfahrene Bündnislage – dann das Attentat auf den Thronfolger in Sarajewo führten dazu, dass Österreich gegenüber Serbien den Krieg erklärte, der sich dann schnell zu einem Weltkrieg ausweitete. Zu Beginn des Krieges herrschte in vielen Orten eine euphorische und siegessichere Stimmung. In Deutschland ist man allgemein davon ausgegangen, dass der Krieg – insbesondere gegen Frankreich – ähnlich wie 1870 / 71 beim Deutsch-Französischen Krieg, schnell vorbei und gewonnen sein würde.
 
Bereits Anfang 1915 zeichnete sich ab, dass der Krieg deutlich länger andauern würde, die Industrieproduktion wurde im ganzen Deutschen Reich auf Rüstungs-wirtschaft umgestellt. Männer waren im Militärdienst, Frauen wurden in die Rüstungsindustrie eingezogen, Kriegsgefangene in der Landwirtschaft eingesetzt.
Ab 1917 wurden auch Schüler und Jugendliche als Arbeitskräfte eingesetzt.
1916 erreichte die Nahrungsmittelknappheit der Zivilbevölkerung ihren Höhepunkt; daneben wurden Roh- und Brennstoffe knapp.
In vielen Dörfern und Städten mussten Kirchenglocken zum Einschmelzen abgegeben werden; die privaten Haushalte mussten alles Verfügbare an Metall abgeben.
 
Im Kriegsgeschehen entwickelte sich ein bis dahin in seiner Grausamkeit und Dimension des Tötens unbekannter und erbarmungsloser Stellungskrieg; Schützengräben zogen sich bald von der Nordsee durch Belgien und Frankreich bis zur Schweizer Grenze. Der Krieg an dieser „Westfront“ steht für unermessliches Leid der Soldaten auf beiden Seiten: Großangriffe der Infanterie gegen stark ausgebaute und von Maschinengewehren verteidigte Stellungen, im großen Umfang Einsatz von Giftgas, erstmaliger Einsatz von Kampfflugzeugen und Panzerfahrzeugen.
Ganze Landstriche wurden von monatelangem Granateneinsatz verwüstet – Namen wie Verdun, Ypern, Somme oder Hartmannsweilerkopf stehen für Orte, an denen Hunderttausende zu Tode kamen, ohne dass militärische Erfolge erreicht werden konnten.
 
Unsere Dörfer Jöhlingen und Wössingen waren nicht direkt in Kampfhandlungen verwickelt. Es gibt bisher keine zusammenfassende geschichtliche Aufarbeitung des Geschehens für unsere Dörfer. Aber man weiß:

In der Festschrift zum 100-jährigen Vereinsjubiläum des TSV Jöhlingen (1990) steht:
„… Der Beginn des 1. Weltkrieges war gleichzeitig das Ende des Vereinslebens für die Freie Turnerschaft. Die wehrhaften Männer, darunter die meisten Aktiven, rückten zu den Waffen ein, alles eilte zu den Fahnen. …
Von den vielen Jöhlingern, die ins Feld zogen, kehrten 85 nicht mehr in ihr Heimatdorf zurück, 12 davon gelten bis heute als vermisst. …“

In der Festschrift zum 100-jährigen Vereinsjubiläum des TV Wössingen (1996) steht:
„… Von den 380 Männern, die in den Ersten Weltkrieg zogen, kehrten 72 nicht mehr in ihr Heimatdorf zurück; 5 davon gelten als vermisst. …“

Im Internet stehen sogenannte „Verlustlisten Erster Weltkrieg“, die in der Zeit 2011 bis 2014 erarbeitet wurden. Darin enthalten sind Einträge zu Soldaten, die im 1. Weltkrieg gefallen sind oder vermisst waren, Einträge zu Personen, die verwundet wurden, in Gefangenschaft geraten, verunglückt oder anderweitig zu Schaden gekommen sind.
Für Jöhlingen sind 357 Namen aufgelistet, für Wössingen 281 Namen. Wenn Sie nachlesen: viele Namen gut bekannter Familien aus dem Dorf.
Auf dem Alten Friedhof in Jöhingen und gegenüber dem unteren Eingang zum Friedhof in Wössingen stehen Gedenktafeln der Gemeinde für die Opfer der Weltkriege. Dort haben wir zum Gedenken auch jeweils einen Kranz aufgestellt.
 
Der 1. Weltkrieg endete am 11. November 1918 – also genau vor 100 Jahren. Die fürchterliche Bilanz: 17 Millionen Menschen starben einen grausamen Tod – allein Deutschland zählte an den Fronten etwa 2 Millionen Opfer. Etwa 20 Millionen Menschen wurden verwundet, überall im Land große Not und tiefe Verzweiflung.
Durch die Neuordnung der Staaten mussten in der Zeit 1918 bis 1924 viele Menschen ihre Heimat verlassen – freiwillig aus Angst oder auf Anweisung.
Der Erste Weltkrieg wurde später als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet.
 
Aus den bitteren Erfahrungen des 1. und 2. Weltkrieges entstanden neue Allianzen, die den Frieden und die Zusammenarbeit in Europa an die Stelle der Konflikte setzten.
Aus deutscher Perspektive war das allem voran die deutsch-französische Versöhnung, um die einstige „Erbfeindschaft“ durch eine dauerhafte Freundschaft zu ersetzen. Von großer Bedeutung der gemeinsame Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem französischen Staatspräsident Charles de Gaulle in der Kathedrale von Reims, die im 1. Weltkrieg zu 90 % zerstört wurde, und später der Abschluß des Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrages im Januar 1963.
Unvergessen auch der historische Handschlag von Präsident Francois Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 in Verdun.
 
Eine im Rückblick fast unglaubliche Erfolgsgeschichte war der Aufbau der Europäischen Gemeinschaft, die uns die heutige wirtschaftliche und politische Entwicklung ermöglicht und zu Wohlstand und Freiheit geführt hat.

 
Das sagt sich heute so leicht – doch dieser Weg war alles andere als leicht.
Was für ein gewaltiger Schritt für die politisch Verantwortlichen in Frankreich und Deutschland: dem einstigen Feind die Hand reichen, auf ihn zugehen und ihm Vertrauen schenken, partnerschaftlich ein neues gemeinsames System aufbauen. Viel eigene Überzeugung bei den Verantwortlichen war dazu notwendig, und sehr viel Arbeit, viel Beharrlichkeit, viel Überzeugungskraft, um die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen. Wir sind heute sehr dankbar dafür.
 
Auch Europa ist letztlich keine Garantie für dauerhaften Frieden. Besonders im letzten Jahrzehnt haben wir schmerzlich erfahren müssen, dass Konflikte zwischen Staaten nur einen Teil der Anlässe ausmachen, die Frieden und Menschenleben bedrohen. Zunehmend sind es auch Konflikte von Volks- oder Glaubensgruppen innerhalb der Staaten, oder terroristische Gruppen, die aus religiösem Wahn schreckliche Terrorakte an beliebigen Orten begehen.
 
Wir erleben heute auch, dass in vielen Ländern der Welt wieder alte Denk- und Verhaltensweisen die Oberhand gewinnen und gesellschaftlich anerkannt werden:
 
Grenzenloser Egoismus und das rücksichtslose Durchsetzen von Eigeninteressen, nicht nur im privaten Bereich, sondern als Maxime des staatlichen Handelns. Erschreckendstes Beispiel hierzu erleben wir in den USA, wo der amtierende Präsident rund um die Uhr in die Mikrophone schreit „America First“!
 
Wir erleben in vielen Ländern stärker werdenden Nationalismus, Prahlen mit eigener Stärke, Abgrenzung und das Aufkündigen geschlossener Verträge und Allianzen. Die eigene Stärke und die geballte Faust werden zum Maß der Dinge.
 
Auch bei uns im Lande werden nationalistisches Denken und Populismus bei einem größer werdenden Teil der Bevölkerung als Heilsbringer gefeiert.
Anders Denkende, anders Gläubige und anders Aussehende werden pauschal verdächtigt, angepöbelt und verfolgt.
Erschreckende Tendenzen, die wir in Deutschland in der Vergangenheit schon hautnah erlebt haben, die unser Land in Chaos und Verderben geführt haben.
Sind die Erfahrungen der Geschichte vergessen?
 
Als Deutsche dürfen wir seit Jahrzehnten in Frieden leben, mit sicheren Grenzen, einer zuverlässigen staatlichen Ordnung, mit gesetzlich verbrieften persönlichen Rechten, und damit in einem System,
In dem sich jeder frei bewegen kann,In dem jeder arbeiten und sich wirtschaftlich entwickeln kann,In dem jeder sich nach seinen Wünschen mit Kultur, Kunst und Hobby beschäftigen kann.
 
Meine Damen und Herren, wir sind es gewohnt, so zu leben – aber es ist nicht selbstverständlich so! Es ist nicht überall so!
Und es ist überhaupt nicht garantiert, dass es bei uns auch in Zukunft dauerhaft so bleibt – dafür müssen wir alle konsequent einstehen und hart arbeiten!
Demokratie ist langsam, schwerfällig, manchmal auch nervig – aber es ist die beste aller Staatsformen, die uns langfristig Frieden und Freiheit am ehesten sichert.
 
Heute müssen Menschen wegen Krieg, Terror, Verfolgung aus religiösen Gründen oder wegen dramatischer Not ihre Heimat verlassen und fliehen. Die UN schätzt die Zahl der Flüchtlinge weltweit derzeit auf ca. 60 Millionen – z.B. von Mittelamerika nach den USA, innerhalb Afrikas, von Afrika und Nahem Osten nach Europa.
 
Was können wir heute tun, um Krieg, Bürgerkrieg, Terror zu verhindern?
Es gibt dazu kein Patentrezept, es gibt keine Spezialisten, die das einfach für uns regeln. Wir können uns die Lösung auch nicht einfach für Geld bei Amazon bestellen und frei Haus liefern lassen.
 
Was wir heute mehr denn je brauchen, ist das, was uns in den vergangenen Jahrzehnten so stark gemacht hat: Einstehen für Demokratie, Achtung vor der Würde jedes einzelnen Menschen, ungeachtet seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner politischen oder religiösen Überzeugung.
 
Am 9. November hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Festveranstaltung die Ausrufung der Republik in Deutschland, am 09. November 1918, als „Meilenstein der deutschen Demokratiegeschichte“ gewürdigt. Er hat dabei auch an den 9. November 1938 und die Pogrome zur Verfolgung der Juden in Deutschland erinnert und gesagt, diese Ereignisse stünden „für den unvergleichlichen Bruch der Zivilisation, für den Absturz Deutschlands in die Barbarei“.
 
Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt:
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, der wird blind für die Gegenwart.“
 
Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, wir können die Dinge nicht ungeschehen machen. Wir können die Jugendlichen von heute auch nicht für die Taten der Großväter verantwortlich machen und ihnen eine dauerhafte Schuld zuweisen. Aber wir müssen das Geschehene wach halten, alles uns Mögliche dafür tun, dass sich solche verheerenden Entwicklungen in unserem Land nicht wiederholen. Daher ist der Volkstrauertag nicht nur ein Tag zum Trauern über Dinge, die vor 70 oder hundert Jahren geschehen sind. Es ist ein Tag des Erinnerns, des Nachdenkens, des Wachrüttelns – ein Tag im Sinne der Verantwortung, die wir heute haben.
 
Was würde uns Gotte heute als Verantwortung ins Herz schreiben?
„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Was kann das konkret heißen? Zum Beispiel:
Sei tolerant und nicht ausgrenzend,Sei bereit zu helfen und zu teilen – nicht egoistisch,Sei achtsam gegenüber Deinen Mitmenschen, nicht überheblich,Sei dankbar für Deine Chancen und nicht selbstverliebt in Deine Stärken.Folge Deinem Gewissen, nicht Deiner Faust.“
 
Lassen Sie uns heute am Volkstrauertag nun in Stille an die denken, die uns zeigen, was Freiheit und Frieden wert sind:
 
Wir denken an die Opfer von Krieg, Unrecht und Terror,
an die Opfer in Deutschland, in Europa, in der Welt.
 
Wir denken an die Soldaten, die in den Weltkriegen starben und an die Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene oder Flüchtlinge ihr Leben verloren.
 
Wir denken an alle, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
 
Wir denken an die, welche ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und an die, welche den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder ihrem Glauben festgehalten haben.
 
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage.
 
Im Namen der Gemeinde und des Gemeinderates Walzbachtal und ganz persönlich danke ich den katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, Frau Pfarrerin Martina Tomaides und Frau Gemeindereferentin Ute Jenisch, für die gemeinsame Gestaltung dieser Gedenkfeier,
dem Posaunenchor Wössingen unter Leitung von Klaus Schneider für die musikalische Umrahmung.
 
Ich wünsche Ihnen allen einen friedlichen und besinnlichen Sonntag.
 
Vielen Dank.