1.000 Jahre Jöhlingen & Wössingen

Berichtserie zu 1.000 Jahre Jöhlingen & Wössingen

Hier erscheint jeweils eine monatliche Berichtsserie mit Auszügen aus unserer Geschichte, aufgearbeitet durch den Heimat und Kulturverein e.V.

Vorbemerkung

Der Kraichgau zeichnet sich aus durch Reichtum an Wasser (Bäche, Wasserläufe, Quellen, Teiche), sehr fruchtbare Böden, mildes und freundliches Klima, viele Talniederungen, gut erreichbar. Die Besiedelung durch Menschen reicht daher mehrere tausend Jahre zurück. Vielfach lässt sich nicht genau sagen, wann und wo erste Siedlungen von Menschen errichtet wurden. Archäologische Forschungen ab dem 19. Jahrhundert haben aber ein sehr gutes Bild über die Entwicklung ergeben.

Wie für den Kraichgau, gilt gleiches auch für den Lauf des Walzbachs. Daher kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich hier vor tausenden von Jahren erste Bewohner niedergelassen haben. Durch archäologische Funde kann das im Einzelfall auch nachgewiesen werden. Natürlich entsprechen damalige Siedlungen nicht den heute bekannten Formen der Dörfer.

In einem Streifzug durch die Geschichte wollen wir verschiedene wichtige Epochen und Ereignisse hervorheben, um einen Überblick zu geben über die Entwicklungen beim „Leben am Walzbach“, eingebettet in die Entwicklung des Kraichgaus.

Weitergehend nachlesen können Sie einzelne Kapitel in der neuen Ortschronik.

Erster Teil: Grobe Zeittafel unserer Geschichte am Walzbach

  • Jung-Steinzeit (4. Jahrtausend v. Chr.)

Erste Spuren einer Besiedelung im Kraichgau sind nachweisbar.

Funde: Hüttenstellen beim Hohberg, Bandkeramiken.

  • Zeit der Kelten (ca. 450 v. Chr.)

Besiedelung Kraichgau erfolgt durch Netz von Gehöften mit Ackerbau und Viehzucht.

Totenhügel / Hühnengräber am Hohberg.

  • Zeit der Germanen (etwa 100 – 50 v. Chr.)

Heereszüge der Germanenstämme im Kraichgau.

Keine eigenen Siedlungsspuren im Walzbachtal.

  • Zeit der Römer (bis ca. 260 n. Chr.)

Bau von Heeresstraßen, Landwirtschaft und Handel im Kraichgau durch Römer. Walzbachtal wird ab etwa 70 n. Chr. römisch besiedelt.

Verschiedene Spuren der Besiedelung: Römerkeller (Wössingen), Villa Rustica (Jöhlingen), Römerweg, Römerbrunnen

  • Zeit der Alemannen (ca. 260 – 500 n. Chr.)

Siedlung / Einzelhöfe bestehen vermutlich in Talniederung des Walzbach.

  • Zeit der Franken (ab ca. 500 n. Chr.)

Zuwanderung von Siedlungsgruppen in den Kraichgau.

Einteilung in Gaue (auch Kraichgau) durch die Franken.

Jöhlingen entsteht als fränkische Siedlung, später Kron-/Königsgut („Fronhof“), mit erster Martins-Kirche (8. Jahrhundert).

Zehn Gräber im Gewann „Bäderäcker“ weisen auf Besiedelung in der Merowinger-Zeit (7. Jahrhundert).

  •  Zeit Domkapitel Speyer (1024 – 1803 n.Chr.)

1024: König Konrad II und seine Gemahlin Gisela schenken ihre Besitzungen und alle Rechte in Jöhlingen und (Unter-)Wössingen an das Domkapitel Speyer.

Jöhlingen wird Sitz eines Speyerer Amtmannes.

Wössingen ist getrennt in Ober- und Unterwössingen. Es bestehen zersplitterte Herrschaftsbereiche: Teilweise Domkapitel Speyer (Unterwössingen), Oberwössingen Vorherrschaft Markgrafschaft Baden. In beiden Orten gibt es eine Tief-/ oder Wasserburg, die vermutlich vom Ortsadel gebaut wurden.

Anfang 16. Jahrhundert entsteht große Unruhe in der Landbevölkerung im Kraichgau: Zusammen mit Bruchsal, Untergrombach (Anführer Joß Fritz) ist Jöhlingen (Anführer Bernhard Wendel) Zentrum der Bauernunruhen und des „Bundschuh-Aufstandes“ (1502). Der Aufstand wird niedergeschlagen. Ein weiterer Aufstand der Kraichgauer Bauern wird 1525 niedergeschlagen.

1577 wird der „Speyerer Hof“ als Wohn- / Wirtschaftshaus des Speyerer Amtmannes erbaut. 1788 In Jöhlingen wird das „Alte Rathaus“ erbaut, damals als Rat- und Schulhaus, mit Kelter.

1556 Markgraf Ernst erlässt Kirchenordnung und führt Reformation in seinem Herrschaftsbereich ein – Wössingen wird damit protestantisch.

1782 – 1784 Bau der katholischen Kirche „St. Martin“; 1817 – 1822 Bau der evangelischen „Weinbrenner-Kirche“.

  • Zeit Großherzogtum Baden (1803 – 1871)

1803 Ende der Herrschaft Domkapitel Speyer, Übernahme der Herrschaft durch Markgrafschaft Baden.

1816 Unter- und Oberwössingen werden zu einer Gemeinde vereint.

  • Deutsches Reich und Weimarer Republik (1871 – 1933)

1873 Freiwillige Feuerwehr Jöhlingen wird gegründet, 1874 folgt Freiwillige Feuerwehr in Wössingen.

1876 – 1879 Bau Kraichgaubahn Durlach – Bretten; dadurch wirtschaftlicher Aufschwung und Wandel in der Dorfstruktur.

Vereine werden gegründet, z. B. 1890 TSV Jöhlingen, 1896 TV Wössingen, 1904 Fussballverein Wössingen, 1909 Evangelischer Krankenpflegeverein Wössingen, 1911 Fußballverein Jöhlingen.

1897 Archäologische Grabungen fördern historische Siedlungsspuren zu Tagen, z.B. Villa Rustica (Jöhlingen, Gewann „Steinäcker“).

Aufbau einer zentralen Wasserversorgung wird begonnen, bestehende Brunnen dafür zugeschüttet (Jöhlingen ab 1897, Wössingen 1927).

1920/21 Badenwerk beginnt Aufbau der Elektrizität durch Freileitungen.

  • Zeit des Nationalsozialismus / Zweiter Weltkrieg (1933 – 1945)

März 1933: Bei den Reichstagswahlen erringt die NSDAP erstmals einen deutlichen Sieg. 09. November 1939: Anschlag auf die jüdische Synagoge in Jöhlingen. 22. Oktober 1940: Die letzten jüdischen Mitbürger werden nach Gurs (Südfrankreich) deportiert.

Ab 1933: Die Arbeit der Vereine wird verboten oder kommt zum Erliegen.

Mehrere hundert junge Männer sind im Kriegsdienst. Mehr als 30 Zivilisten kommen im Krieg ums Leben, etwa 300 sterben als Soldat, über 100 sind vermisst.

  • Nachkriegszeit (1945 – 1970)

1946/47: Einweisung von mehreren hundert Heimatvertriebenen und Flüchtlingen; größtes Problem ist die Beschaffung von Wohnraum. Ausweisung von ersten Gebieten zum Neubau von Wohnhäusern.

27.05.1947 Hochwasserkatastrophe für Jöhlingen und Wössingen.

1951 Neubau evangelische „Versöhnungskirche“, 1956 katholische Kirche „Maria Königin“. 1961/63 Neubau Siedlung Binsheim für landwirtschaftliche Aussiedlerhöfe.

Verdohlung des Walzbach: Wössingen ab 1956, Jöhlingen ab 1965; Neubau Ortskanalisation ab 1960, Bildung Abwasserzweckverband gemeinsam mit Weingarten 1966 und Neubau der Kläranlage 1974/75.

Neubau Schulhaus in Jöhlingen 1968/69 und Neubau Rathaus und Feuerwehrhaus in der Wössinger Straße.

  • Walzbachtal als Gemeinde (1971 – heute)

01.01.1971 Fusion von Jöhlingen und Wössingen zur Gemeinde Walzbachtal

Heimat- und Kulturverein Walzbachtal, Januar 2024

Jöhlingen und Wössingen im Mittelalter

Herrschaft der Franken und Entstehung des Kraichgaus

Etwa ab 500 nach Christus gewannen die Franken unter König Chlodwig die Herrschaft über das Gebiet rechts des Rheines. Durch die Taufe des Königs kam das Frankenreich zum Christentum. Chlodwig hatte viele der administrativen Gepflogenheiten der Römer übernommen. Das Land wurde in Bezirke eingeteilt („Gaue“), die direkter und effektiver verwaltet werden konnten. Diese Gaue wurden Grafen übergeben, die als Abgesandte des fränkischen Königs vor Ort in seinem Namen die Herrschaft ausübten und im Namen des Königs Recht sprachen. Die Einteilung der Gaue richtete sich zunächst nach geographischen Gegebenheiten, z.B. anhand der Bäche, Täler und angrenzender Gebiete. Das Land der Pfinz bildete den Pfinzgau, das Land des Kraichbaches bildete den Kraichgau („pago chreichgowe“). Dessen Gebiet wurde später deutlich erweitert, z.B. durch die Übernahme des Elsenzgaus. Im Kraichgau entwickelte sich ein Netz kleinerer Siedlungen, wie durch archäologische Ausgrabungen nachgewiesen ist (z.B. Gräber, Bandkeramiken).

Zur Person Konrad II.

Konrad wurde um das Jahr 990 n.Chr. in Speyer geboren; er war Sohn aus einer der führenden Adelsfamilien im Reich. Im Jahre 1016 heiratete er die bereits verwitwete Gisela von Schwaben, die reichen Eigenbesitz und eine glanzvolle Herkunft in die Ehe mitbrachte. Nach dem Tode des kinderlosen Königs Heinrich II. wurde Konrad am 04. September 1024 zum neuen König gewählt und am 08. September im Mainzer Dom zum König gekrönt. Gisela wurde am 21. September in Köln zur Königin gekrönt. Ab 1026 war Konrad auch König von Italien, ab 1033 König von Burgund. Am Ostersonntag 26. März 1027 wurden Konrad II. und Gisela in der Peterskirche zu Rom von Papst Johannes XIX. zu Kaiser und Kaiserin des Deutschen Reiches gekrönt.

Kaiser Konrad II. ließ im Jahre 1027 den Bau des Speyerer Domes beginnen. Als er im Jahre 1039 starb, wurde er in der Krypta des Domes beigesetzt, der damals noch unvollendet war– der Bau wurde erst im Jahre 1061 eingeweiht. (Quelle: Peter Schappert / Mario Colletto „Der Dom zu Speyer“, 2012)

Die erste urkundliche Erwähnung

Am 11. September 1024 schenkte Konrad II. seine rechtmäßigen Besitzungen in Jöhlingen und (Unter-)Wössingen dem Domkapitel zu Speyer. Direkt nach seiner Krönung brach der König zu einer Rundreise durch sein Reich auf. Sein erster Halt war in Ingelheim, wo er die Schenkungsurkunde ausstellte, die uns erstes schriftliches Zeugnis über Jöhlingen und Wössingen gibt. Konrad gibt nicht die ganzen Dörfer, sondern die dort gelegenen und ihm gehörenden Güter an das Speyerer Domkapitel zur Versorgung der am Altar in Speyer dienenden Brüder. Die Siedlungen muss es also schon früher gegeben haben, denn Konrad II. zählt genau auf, was er verschenkt. Dort ist die Rede von Feldern, Wiesen, Weiden, Weinbergen, Wäldern, Jagden, Gewässern und Fischteichen, Mühlen, aber auch mit den Leibeigenen (mit zwei Ausnahmen), Kirchen und Zehnt. Kein Graf oder Vizegraf sollte dort Macht ausüben, sondern allein die vom Domstift bestellten Vögte. Diese Aufzählung im Einzelnen gibt auch einen Hinweis auf die damals sehr zersplitterten Herrschaftsverhältnisse. Da er Kirchen erwähnt (Mehrzahl), muss es zumindest zwei gegeben haben. Eine davon war sicher die erste Martinskirche in Jöhlingen, deren Fundamente beim Bau der Schule Jöhlingen 1966 ausgegraben und auf die Zeit des 8. Jahrhunderts datiert wurden.

War die Schenkung zu diesem Zeitpunkt nur aus christlichem Glauben und Sorge um das Seelenheil, oder vielleicht auch Dankbarkeit für Unterstützung bei der Wahl zum König?

Die Schenkung wurde in späteren Jahren in mehreren königlichen Urkunden bestätigt

Die Namen im Wandel der Zeit

Die Schenkungsurkunde gibt uns auch frühe Namensformen von Jöhlingen und Wössingen zur Kenntnis. Jöhlingen wird erst Iohanningon, später im Text Iohanningan genannt. Änderungen des Vokals innerhalb des Textes sind nicht ungewöhnlich für diese Zeit. Die Namensendung -ingen deutet auf eine fränkische Gründung, vermutlich aus der Zeit, in der man den ersten Bau der Martinskirche vermutet. Wössingen wird erwähnt als Wesingcheimero marca, also die Gemarkung Wössingen. In späteren Urkunden finden sich die Namensvarianten Wesingun, Wesingen, Weszingen.

Der Kraichgau – ein Flickenteppich von Kleinherrschaften

Im Mittelalter war der Kraichgau das Land vieler Herren, ein regelrechter Flickenteppich von Herrschaftsverhältnissen. Während manche von ihnen zusammenhängende Besitzungen hatten, die sich über Ackerland und Wälder hinzogen, waren andere sehr klein. Manches Besitztum bestand nur aus einem Hof und den dazugehörenden Leibeigenen. Teilweise wurde im Laufe der Zeit versucht, durch Kauf oder Tausch größere zusammenhängende Gebiete zu erreichen.

Ober- und Unterwössingen waren zwei Orte, die zunächst nicht zusammengehörten. In beiden Orten gab es eine Kirche und eine Tief- oder Wasserburg, die vermutlich vom Ortsadel gebaut wurden. Auch in diesen beiden Orten gab es im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlichste Herren. Ortsadel in Jöhlingen und Wössingen ist ab dem 12. Jahrhundert nachgewiesen, verlor ab dem 15. Jahrhundert seine Bedeutung.

Neben dem Domkapitel Speyer und dem Markgrafen von Baden (Wössingen) hatten auch verschiedene Klöster durch Stiftungen oder Schenkungen Rechtsansprüche auf Güter im Ort (z.B. Odenheim, Hirsau, Herrenalb). Insbesondere der Markgraf konnte bis zum 15. Jahrhundert seinen Herrschaftsbereich in Wössingen erweitern und ausbauen.

Die Herrschaft des Domkapitels zu Speyer

Jöhlingen wurde als Verwaltungssitz ausgebaut, wurde durch einen Amtmann verwaltet. Sitz war im „Fronhof“, umgeben mit Graben, Mauern und Zugbrücke (Standort heutige Schule und Schulhof). Die Gebäude wurden beim Neubau der Schule 1966 abgebrochen. Hier stand auch die erste Martinskirche.

Der „Speyerer Hof“ wurde 1577 gebaut, damals als fränkische 3-Seit-Hofanlage als Wohn- und Wirtschaftshaus des speyerischen Amtmannes. Der Hof war allerdings kein Verwaltungsgebäude; erst nach der Sanierung wurde im November 1986 die „Verwaltungsstelle“ der Gemeinde Walzbachtal in dieses Gebäude verlegt.

Die Herrschaft Speyer endete 1803: mit dem Reichsdeputationshauptschluß wurden die kirchlichen Herrschaftsgebiete aufgelöst, damit auch das Hochstift Speyer. Jöhlingen und Wössingen kamen jetzt einheitlich unter die Herrschaft des Markgrafen von Baden und wurden zunächst dem Amt Bretten zugeordnet, danach dem Amt Stein, schließlich dem Amt Durlach.

Heimat- und Kulturverein Walzbachtal, Februar 2024

Quelle: Sara Breitung / Dr. Axel Lange / Karl-Heinz Glaser in „Ortschchronik Walzbachtal“ (2023)

Landwirtschaft und Dorfgemeinschaft vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert

Ausgangslage im Kraichgau

Die Gemarkungen von Jöhlingen und Wössingen liegen am südwestlichen Rand des Kraichgauer Hügellandes, in einer Talaue, die vom Walzbach im Laufe von Jahrtausenden geschaffenen wurde. Der Kraichgau ist ein seit der Steinzeit besiedelter Raum, seit mehr als 5.000 Jahren bewohnt, bebaut und als Lebensraum genutzt. Dabei mussten Einwohnerzahl und verfügbare landwirtschaftliche Fläche immer im Einklang stehen. Jede Gemarkung musste früher die auf ihr lebende Bevölkerung selbst versorgen können. Erst mit dem Umbruch von der dörflichen Agrargesellschaft zur stadtähnlichen und später globalisierten Industriegesellschaft entkoppelte sich diese Abhängigkeit. So wurden während des 20. Jahrhunderts auch die beiden bis dahin sehr landwirtschaftlich geprägten Dörfer Jöhlingen und Wössingen zu Wohn- und Pendlergemeinden im Einzugsbereich der Großstadt Karlsruhe.

Der Kraichgau als fruchtbare Lebensgrundlage

Der fruchtbare Lößboden, von dem die Gemarkungen im heutigen Naturraum „Brettener Hügelland“ zu weiten Teilen bedeckt sind, das durch Bäche, Quellen und Wasserläufe vorhandene Wasser und das gemäßigte Klima ermöglichten ergiebige Jahresernten. Damit bot sich die Grundlage für einen schmalen Wohlstand, der sich von den Bauern erwirtschaften ließ. Typisch für diesen Boden und unsere Landschaft waren über Jahrhunderte die zahlreichen Hohlwege mit teils steilen und hohen Seitenwänden, die durch die Nutzung als Verkehrswege entstanden. Mehr als zehn davon fanden sich auf Gemarkung Wössingen (heute noch vorhanden: Hauweg-Hohle), mehr als zwei Dutzend auf Gemarkung Jöhlingen (heute noch vorhanden Sauweg-Hohle, Gondelsheimer Straße, B 293). Diese Hohlwege wurden ab den 1950er Jahren weitgehend verfüllt und eingeebnet.

Kleinbäuerliche Haushalte prägten die Lebenswelt

Wie andere typische Kraichgauer Dörfer, waren auch Jöhlingen und Wössingen bis ins 20. Jahrhundert ganz überwiegend die Lebenswelt kleinbäuerlicher Haushalte. Die Gemarkungen bestanden aus zerstückelten, in viele und teilweise winzige Parzellen aufgesplittertem Güterbesitz. Das hier übliche Erbrecht der Realteilung sah vor, bei Übergabe eines Hofes allen Grund und Boden in gleichgroßen und gleichwertigen Einzelgaben an die nächste Genration weiterzugeben. Wann immer bei einem Erbfall mehrere Nachkommen abzufinden waren, wurden die erworbenen Landstücke wieder und wieder geteilt – „viele Brüder, kleine Güter“ pflegte man zu sagen.

Hofgüter des Adels

Weitgehend unteilbar und relativ sicher vor Zerstückelung in Erbfällen waren die größeren Hofgüter, die sich seit jeher in adeliger Hand und damit im Eigentum von Grundherren befanden. Hier teilten sich mehrere Beständer die Felder und Wiesen bei den einzelnen Höfen, so in Jöhlingen zum Beispiel beim Hartmannshof, Wetzelhof, Herrenhof, Darmstädter Hof. In Wössingen umfassten fünf Gülthöfe des Markgrafen (von Durlach) Flächen von knapp zehn bis fast hundert Morgen, das herrschaftliche Schloßgut rund 250 Morgen Land. Aber so umfangreich die Güter auch gewesen sein mochten, ihre Grundstücke lagen ebenfalls verstreut über die Gemarkung.

Die „Dreifelderwirtschaft“

Den rechtlichen Rahmen des Kraichgauer Ackerbaus zwischen Mittelalter und ausgehendem 19. Jahrhundert bildete das vorherrschende Betriebssystem der „Dreifelderwirtschaft“. Charakteristisch war die Aufteilung des gesamten Pfluglandes einer Dorfmark in drei Großbereiche, als „Zelgen“ bezeichnet. Diese Zelgen bestanden aus jeweils etwa gleich großen oder gleich ertragreichen Anbauflächen für Getreide. Jede Zelge setzte sich zusammen aus einigen Dutzend sogenannter „Gewanne“, diese wiederum umfassten eine größere Zahl einzelner Ackerflächen.

Die Bewirtschaftung der drei Zelgen erfolgte gemeinschaftlich gemäß einem über Jahrhunderte hinweg permanent wiederkehrenden Muster, nach dem die Fruchtfolgen wechselten: im ersten Jahr wurden Winterhalmfrüchte angebaut (Weizen, Dinkel, Roggen), im zweiten Sommerhalmfrüchte (Hafer, Gerste), im dritten Jahr blieb der Boden ursprünglich für eine einjährige Ruhezeit als Brache liegen. Ein Abweichen einzelner Landwirte durfte es nicht geben.

Anbau von Getreide und Mühlen

In einer Agrargesellschaft, die den Großteil ihrer Nahrungsversorgung durch den Feldanbau von Getreide sicherstellte, kam den Mühlen als verarbeitendes Gewerbe eine immens wichtige Rolle zu. Entsprechend dieser großen Bedeutung bestanden entlang des Walzbachs vom Mittelalter an mehrere Mühlbetriebe. Schon 1241 werden in Jöhlingen die beiden Müller Ulrich und Dieter namentlich erwähnt, später gab es die „obere“ und die „untere“ Mühle (heutiger Bereich Jahnstraße / Mühlstraße / Holzhandel), sowie am Ortsausgang Richtung Weingarten die „Wiesenmühle“ (in Betrieb bis 1965, heute gleichnamiges Wohngebiet). Im Jahr 1452 ist erstmals die Rede von „der mule zu ober Weßingen“, von der Mühle in Unterwössingen erstmals 1699 (heutige Durlacher Allee, betrieben bis 1971). Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft und das landesweite „Mühlensterben“ in den 1960er und 1970er Jahren verloren diese Einrichtungen an Bedeutung und wurden schließlich aufgegeben.

Neuordnung des Bodens durch Flurbereinigungen

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg bot sich auch bei uns das typische Bild südwestdeutschen Bauerntums: der bäuerliche Besitz war verstreut über alle Gewanne hinweg, vielfach kleine Grundstücke („Handtücher“), die nur mit erheblichem Aufwand zu erreichen und zu bewirtschaften waren. Um den zerstückelten Boden wieder zu größeren und zusammenhängende Nutzflächen zu vereinen, die auch mit modernen Maschinen (Traktoren, Mähdräscher) bearbeitet werden konnten, wurden Flurbereinigungsverfahren durchgeführt.

In Jöhlingen geschah dies 1953 bis 1975. Dabei wurden auch Flächen bereitgestellt für die Rebanlage „Hasensprung“ und die Obstanlage „Fraueneiche“; mit dem Neubau der Siedlung „Binsheim“ konnten mehrere Haupterwerbslandwirte aus dem Ort ausgesiedelt und ihnen größere Flächen für die Hofanlage und die landwirtschaftliche Nutzung zur Verfügung gestellt werden.

In Wössingen wurde die Flurbereinigung 1973 im Zuge des Neubaus der B 293 Ortsumgehung begonnen und 2008 abgeschlossen. Eine Verlagerung landwirtschaftlicher Betriebe fand dabei aber nicht statt.

Den wirtschaftlichen Vorteilen für die Landwirtschaft standen bei diesen Verfahren teilweise Eingriffe in das vertraute Landschaftsbild und ökologische Strukturen gegenüber.

Heimat- und Kulturverein Walzbachtal, März 2024

Quelle: Thomas Adam, Karl-Heinz Glaser, Gerhard Ehrler in „Ortschchronik Walzbachtal“ (2023).

Von den ersten Zeugnissen bis zu den Römern

Das Auftauchen des „modernen Menschen“

Über die Lebensweise der frühen Menschen (Steinzeit) weiß man einiges, wenn auch ihre Kultur und ihr Alltag an vielen Stellen verborgen bleiben müssen, Das Wissen aus dieser Phase der Menschheitsgeschichte stammt allein aus Funden – beschreibende schriftliche Quellen gab es noch lange nicht. Es ist also nicht nachvollziehbar, wie diese Menschen dachten oder fühlten. Man weiß jedoch, dass im Vergleich zu den Neandertalern ihr Sinn für Kunst ausgeprägter war und sie wohl eine Art Religion ausübten. Auf der Schwäbischen Alb fand man aus verschiedenen Materialien hergestellte kleine Figuren von Tieren, Menschen und auch Mischwesen aus Tier und Mensch. Aufgrund der geologischen Umstände im Kraichgau sind aus dieser Zeit keine Funde in der näheren Umgebung bekannt. Erst in der Jungsteinzeit kann man Spuren unserer Vorfahren in der Region aufnehmen. Die Besiedelung des Kraichgaus kann seit etwa 5.000 Jahren angenommen werden.

Die Steinzeit – aus Jägern und Sammlern werden Siedler und Bauern

Der mitteleuropäische Mensch lebte halbnomadisch: Man zog den Tieren hinterher. Vermutlich hielt er auch bereits Tiere, jedoch wurden diese nicht gezüchtet, sondern dienten vielmehr der Vorratshaltung. War eine Gegend abgeerntet oder genug bejagt, so suchte man sich einen neuen Lagerplatz. Denkbar ist, dass Menschen dabei auf immer wieder dieselben Plätze zurückkehrten und mit den Jahreszeiten im Kreis zogen. Aus Funden in anderen Gegenden lässt sich schließen, dass die Lagerplätze zu verschiedenen Zeiten wiederholt genutzt wurden. Es dauerte mehrere tausend Jahre, bis die Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht als Kulturform in Mitteleuropa ankam. In welcher Form sich diese neue Lebensweise verbreitete, ist nicht ganz klar. Die Art der Behausung wandelte sich vom „Unterschlupf“ zu „Häusern“ aus Holz, Lehm und Stroh; diese hinterließen jedoch kaum dauerhafte Spuren. Die Siedlungsorte befanden sich im Kraichgau immer in unmittelbarer Nähe eines Wasserlaufes oder einer Quelle und in der Regel am Hang der Bach- und Flußtäler.

Um 1960 fand man im Gewann „Heßloch / Brunnenstube“ in Jöhlingen einige Spuren menschlichen Wirkens. Neben wenigen verzierten Scherben wurden auch Stücke von großen Vorratsgefäßen bandkeramischer Herkunft ausgegraben. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Fundstelle um den Überrest einer jungsteinzeitlichen Siedlung. In Jöhlingen beim „Hohberg“ wurden um 1900 eine Grabhügelgruppe („Keltengräber“) gefunden; die Hügel waren bis zu 20 Meter im Durchmesser, aber nur noch einen Meter hoch. Eines dieser Hügelgräber datierte man in die mittlere Bronzezeit, das andere enthielt die Reste einer Bronzefibel und eines bronzenen Halsringes.

Die Römer – eine wichtige Epoche auch für Walzbachtal

Als Gaius Julius Cäsar in der Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus Gallien eroberte, etablierte er die Grenze des römischen Reiches am Rhein. Unter Kaiser Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.) war es erklärtes Ziel, den Einflussbereich Roms nach Osten und Norden auszudehnen. Unter Kaiser Trajan (um 100 n. Chr.) erreichte das Römische Reich seine größte Ausdehnung. Die Römer haben früh begonnen, gut ausgebaute Straßen anzulegen, um die wichtigen Städte des Reiches zu verbinden. In der Nähe dieser strategisch wichtigen Straßen errichtete man Landgüter, sogenannte „Villae rusticae“. Diese Höfe dienten dazu, landwirtschaftliche Güter zu produzieren, um die Bevölkerung und die römischen Truppen zu versorgen. Zur Sicherung der Nordgrenze wurde der „Limes“ angelegt. Das Gebiet vom Rhein bis zum Limes – und damit auch unsere Gemarkungen – gehörte zum sogenannten „Dekumatsland“ (Agri decumates); heute kennt man hier etwa tausend Fundstellen ehemaliger römischer Landgüter.

Auf der Walzbachtaler Gemarkung gab es mehrere dieser Landgüter. Die erhaltenen Spuren sind jedoch oft nur schwer erkennbar, da sie tief im Boden verborgen sind. Der „Römerweg“ (Bruchsaler Straße – Fraueneiche – Hasensprung – Martinshof) könnte in diesem Wegesystem seinen Ursprung haben. Bei archäologischen Grabungen 1893 in den „Frühmessgärten“ in Wössingen wurden Reste einer Villa rustica von beeindruckender Größe gefunden (großer quadratischer Hof, mehrere Gebäude und Räume, farbiger Innenputz mit Malereien). In Jöhlingen (Gewann „Steinäcker“) wurde bei Grabungen 1897 das Fundament einer Villa rustica auf einem Areal von 100 x 200 m entdeckt, auf dem Scherben und Steine verteilt waren. Es gab eine bis zu 1,50 m hohen Mauer und Reste einer römischen Bodenheizung; diese Fundamentreste wurden genau beschrieben, sie sind heute mit Erde überdeckt. 1967 fand man bei Arbeiten für eine Wasserleitung in Wössingen (Gewann „Hinter der unteren Kirche und Frühmessgärten“) einen perfekt konservierten römischen Keller, der einzigartig ist in der ganzen Umgebung. Das Mauerwerk war komplett erhalten, die Sichtwände sorgfältig mit Sandstein gefertigt, die Fugen bemalt, in den Wänden gab es Nischen. Über diesen sensationellen Fund wurde landesweit in Presse und Rundfunk berichtet. Wegen der hohen Qualität und besonderen Bedeutung wurde dieser Keller unter Verantwortung des Denkmalamtes zerlegt, ins Landesmuseum nach Karlsruhe verbracht, dort wieder zusammengesetzt und ist heute ein Schmuckstück der provinzialrömischen Sammlung.

Im 3. Jahrhundert nach Christus zogen sich die Römer schrittweise vom Limes an den Rhein zurück. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass es keinen Sturm angreifender Germanen auf den Limes gab, sondern das Römische Reich durch strukturelle Schwierigkeiten und innenpolitische Auseinandersetzungen geschwächt war. Mit dem Abzug der Truppen verloren die Villae rusticae ihre Bedeutung. In das Vakuum, das Rom in der Region hinterließ, drückten die Alamannen. Die Funde auf Walzbachtaler Gemarkung deuten darauf hin, dass die Höfe ohne kriegerische Auseinandersetzungen verlassen wurden. Dauerhafte Spuren haben die Alamannen auf unserer Gemarkung nicht hinterlassen.

Das frühe Mittelalter und die Franken

Während das Römische Reich im Niedergang war, konnte der fränkische Heerführer Chlodwig I. seinen Einfluss ausbauen. Ausgehend vom heutigen Frankreich, erweiterte er ab etwa 500 n. Chr. das Gebiet seines Stammes immer weiter, auch nach Osten über den Rhein. Dabei trafen sie auf die dort siedelnden germanischen Stämme. Das fruchtbare Dekumatsland der Römer war weiterhin bewirtschaftet mit Acker- und Weinbau. Die alamannischen Siedler wurden nicht schnell verdrängt, vielmehr vermengten sich Franken mit Alamannen und konnten so das Land weiter bewirtschaften. Als die Franken als Herrscher östlich des Rheins auftraten, brachten sie das Christentum mit und prägten schnell unsere Kultur.

Heimat- und Kulturverein Walzbachtal, April 2024

Quelle: Sara Breitung in „Ortschronik Walzbachtal“ (2023).

Von der Reichsgründung bis zur Weimarer Republik (1871 – 1923)

Kommunale Selbstverwaltung in Baden

Durch die Gemeindeordnung von 1831 wurde im Großherzogtum Baden die Kommunale Selbstverwaltung eingeführt. Die Wahl der Bürgermeister und Gemeinderäte sollte künftig durch die Gemeindeversammlung erfolgen. Das Bürgerrecht war an einen Vermögensnachweis gebunden und auf die männlichen Einwohner beschränkt. Die Badische Revolution von 1848/49 brachte ein Gesetz zur Verwaltungsreform hervor. Die Großherzoglichen Bezirksämter wurden 1863 als staatliche Verwaltungsinstanz gestärkt. Wössingen gehörte zum Bezirksamt Bretten, Jöhlingen war dem Bezirksamt Durlach zugeordnet.

Unter Großherzog Friedrich I. (regiert von 1856 bis 1907) entwickelte sich Baden zu einer Art konstitutionelle Monarchie. In den 1860er Jahren kam ein Reformwerk auf den Gebieten Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Schulwesen in Gang und Baden erwarb sich den Ruf eines liberalen Musterlandes. Die Wahlrechtsreform des Jahres 1904 brachte allgemeine, gleiche und direkte Wahlen für den Landtag – Baden war damit Vorreiter im Reich.

Deutsch-Französischer Krieg 1870 / 71

Das Großherzogtum schloss 1866 einen Allianzvertrag mit Preußen und der „Sturm nationaler Begeisterung“ mit Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges im Juli 1870 und den raschen Erfolgen führte mit breiter Zustimmung der süddeutschen Länder zur Gründung des Deutschen Reiches mit der Krönung des Kaisers Friedrich Wilhelm am 18. Januar 1871 in Versailles.

Die allgemeine nationale Euphorie hat sicher auch die Bevölkerung in Jöhlingen und Wössingen ergriffen. Aus beiden Dörfern sind Dutzende Bürger dem Aufruf zum Militärdienst gefolgt. In den Orten wurden Lebensmittel und Kleidung für die Soldaten gesammelt. Der Gemeinderat Jöhlingen folgte in seiner Sitzung im Oktober 1870 dem Beispiel anderer Gemeinden und beschloss eine finanzielle Unterstützung für die als Soldaten eingezogenen Bürger. Zum Gedenken an die Kriegsteilnehmer wurde an der Jöhlinger Kirche eine Sandsteintafel angebrachte. Im Dezember 1871 haben Gemeinderat und Bürgerausschuss in Wössingen beschlossen, dass die Kosten für den zu Ehren der im Kriege beteiligten oder gefallenen hiesigen Soldaten errichteten Gedenkstein am Rathaus aus der Gemeindekasse getragen werden.

Alltag im Dorf

Die Protokollbücher des Gemeinderates und der Bürgerversammlungen aus der Kaiserzeit sind unspektakulär. Einnahmen und Ausgaben werden aufgeführt, es geht um Bürgerannahmen und Auswanderungen, Verträge der Bediensteten, Unterstützung der Dorfarmen, viele Fragen rund um Land- und Forstwirtschaft. Das dörfliche Leben nahm seinen ganz normalen Gang.

Um eine große Feldmaus-Plage einzudämmen, hat der Gemeinderat in Wössingen 1884 eine „Fangprämie“ von 1 Pfennig pro Maus festgelegt. Selbst die oberen Klassen der Volksschule mussten auf Mäusejagd gehen. Prämien gab es auch für gesammelte Maikäfer.

Nicht sehr beliebt waren die Ortsbereisungen durch das Bezirksamt. Die behördlichen Kontrollbesuche galten Bürgermeister und Verwaltung. Besonderes Augenmerk lag auf den Finanzen, die in beiden Dörfern vielfach kritisch waren. Öffentliche Gebäude wurden inspiziert, z.B. die Schulen. In den Fragestunden konnten Bürger ihre Sorgen loswerden. Mit Kritik wurde in den Protokollen nicht gespart. Bei einer Bereisung Mitte der 1880er Jahre wurde in Jöhlingen festgestellt: „Der Zustand der Gemeindeverwaltung ist in hohem Grade unbefriedigend.“ Jöhlingen stand danach unter besonderer Beobachtung. In Wössingen wurde im Juli 1887 angemahnt, anstelle des bisherigen Feldhüters („ein alter schwacher Greis“) einen jungen Mann anzustellen. Der musste natürlich höheren Lohn erhalten – der Bürgermeister rief danach den finanziellen Notstand aus.

Der Erste Weltkrieg und die Folgen

Das beschauliche Dorfleben endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges Anfang August 1914. Die anfängliche Begeisterung und der Glaube an einen raschen deutschen Sieg schwanden mit den Nachrichten von gefallenen Angehörigen aus dem festgefahrenen Frontverlauf. Außerdem fehlten die eingezogenen Soldaten und Pferde in der heimischen Landwirtschaft. Zur Finanzierung des Krieges hat das Reich insgesamt neun Kriegsanleihen aufgelegt. Dabei mussten sich die Gemeinden beteiligten, auch Jöhlingen und Wössingen erhebliche Mittel zur Finanzierung des Krieges aufbringen. Dazu haben die Gemeinden Kredite aufgenommen oder außerordentliche Holzhiebe im Gemeindewald durchgeführt.

Aus Jöhlingen ist die Zahl der Kriegsteilnehmer nicht dokumentiert; aus dem Krieg sind 85 Männer nicht mehr zurückgekehrt, 12 davon galten als vermisst. Wössingen stellte bei knapp 2000 Einwohnern etwa 380 Kriegsteilnehmer; davon sind 72 Männer gefallen, 5 galten als vermisst. Dazu kam eine hohe Zahl von Verwundeten. Die Arbeit in den örtlichen Vereinen kam weitestgehend zum Erliegen. In beiden Dörfern sind durch Kriegshandlungen keine Schäden entstanden.

Das Kriegsende im November 1918 bedeutete auch das Ende des Kaiserreiches: Am 9. November verkündete der Reichskanzler die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. Am gleichen Tag folgte die Ausrufung der Republik. Am 05. Januar 1919 wurde in der jungen Republik Baden die Verfassunggebende Landesversammlung gewählt. In der revolutionären Übergangsphase bis zur Weimarer Republik haben sich in Karlsruhe und anderen Städten „Arbeiter- und Soldatenräte“ gebildet. Auch in Wössingen gab es Ende 1918 einen „Arbeiter-, Bauern- und Beamtenrat“, der zwar den Gemeinderat anerkannte, aber ein Mitspracherecht forderte. Bei dem starken Arbeiteranteil ist in Jöhlingen ein solcher Revolutionsrat ebenfalls zu vermuten, ist aber nicht belegt.

Probleme der Nachkriegszeit – Sorgen der Menschen

Eines der größten Probleme der Nachkriegszeit war die große Wohnungsnot in den Gemeinden. In Jöhlingen ist die Einwohnerzahl von 2.316 (im Jahr 1895) auf 2.621 (im Jahr 1925) gestiegen, in Wössingen von 1.722 auf 2.149. Die Gemeinden hatten leere Kassen, sie finanzierten Kauf oder Bau von Arbeiterwohnungen über Kredite oder durch außerordentliche Holzhiebe im Wald. In Wössingen wurde 1918 eine eigene Kommission gegründet, die sich mit Maßnahmen gegen die Wohnungsnot vorgehen sollte. Da deren Ergebnisse nicht ausreichten, musste sich ab Mai 1920 der gesamte Gemeinderat mit dem Thema befassen. Sämtliche Wohnungen sollten aufgenommen und freie Wohnungen beschlagnahmt werden. Es ist anzunehmen, dass die Verhältnisse in Jöhlingen vergleichbar waren – wegen fehlender Protokolle des Gemeinderates lässt sich dies aber nicht belegen. Die Gemeindefinanzen wurden in den unmittelbaren Nachkriegsjahren auch durch die hohe Arbeitslosigkeit und damit verbundene Wohlfahrtsleistungen belastet.

Die Hyperinflation des Jahres 1923 begann schleichend und lässt sich in den Protokollen der Gemeinderäte auch anhand der immer wieder erhöhten Gehälter für Bürgermeister und Rathausmitarbeiter ablesen. Ende des Jahres waren die Banknoten schon nichts mehr wert, wenn sie in Umlauf kamen. Die Einführung der wertbasierten Rentenmark beendete die Inflation, 1924 folgte die Reichsmark.

Heimat- und Kulturverein Walzbachtal, Mai 2024

Quelle: Karl-Heinz Glaser in „Ortschronik Walzbachtal“ (2023).